Wie reagiert Ihr, wenn man Euch als Antisemiten bezeichnet?

Jeden Vorwurf muss man ernst nehmen. Der Kritiker äußert damit einen Verdacht, der sowohl auf seine Bedeutsamkeit als auch darauf untersucht werden muss, ob er zutrifft.

Was ist Antisemitismus?

Umgangssprachlich ist Antisemitismus die Einstellung derer, die etwas gegen Juden haben. Der Begriff ist historisch gewachsen und hält einer kritischen semantischen Untersuchung nicht stand. Nach dem Begriff hieße Antisemitismus, gegen Semiten, d.h. gegen Angehörige eines der semitischen Völker eingestellt zu sein, zu denen nach historischer Auffassung sowohl die Juden als auch die arabischen Völker gehören. Das meinen die meisten derer, die mit dem Begriffe „Antisemitismus“ operieren, sicher nicht. Dennoch ist es billig, einen Kritiker, der mit dem Antisemitismusvorwurf argumentiert, damit abschmettern zu wollen, dass man entgegnet, gegen Araber habe man nichts… Nein, man muss schon inhaltlich gegen den intendierten Vorwurf angehen, nicht formal gegen den formulierten.

Es ist vermessen, die erdrückende Fülle von Literatur zum Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart auch nur oberflächlich angehen zu wollen. Und gerade unsere deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts verbietet es uns, Antisemitismus als etwas abzutun, das sich einreiht in die Fülle der Anti-s, die unser Denken stets zu dominieren suchten und suchen: Antikommunismus, Antikapitalismus, Antiislamismus, Antiterrorismus, in die Reihe der vielen „Kämpfe“, die wir führen gegen Hunger, Armut, Ausbeutung, Dummheit, Analphabetentum, Krankheit, … Keine dieser Haltungen hat je zu so brutalen Mord- und Vernichtungsaktionen geführt, wie der Antisemitismus, beginnend mit den Progromen insbesondere in Osteuropa und endend mit Auschwitz. Das ist in Dimension und Perfektion etwas Besonders. Dennoch sollten wir uns nicht dem Vergleichverbot unterwerfen, das im Zusammenhang mit den Morden an den europäischen Juden durch die Nazis verhängt wurde: „dieser Mord ist einzigartig und unvergleichbar“ wurde uns schon als Kinder eingehämmert. Warum eigentlich darf man nicht vergleichen, warum hier im Vergleich nicht die Armenier nennen, nicht die Hereros, nicht die amerikanischen Indianer, nicht die russischen Kleinbauern (Kulaken), nicht die millionenfachen Morde in Ruanda an Huttus und Tutsis? Erst im Vergleich wird ja die widerliche Besonderheit dieses perfektionierten, bürokratisierten Mordapparates deutlich. Und schließlich: warum dürfen wir nicht darauf hinweisen, dass die Nachfahren der Opfer von vor 65 Jahren Täter von heute geworden sind? Dies ist nicht Antisemitismus, ggf. allerdings Antizionismus; dies wendet sich nicht gegen den Staat Israel, wohl aber dagegen, dass dieser Staat seit seiner Gründung aktiv danach strebt, seine Grenzen auszudehnen und bis heute jede Aussage darüber verweigert, bei welchen Grenzen diese Expansion aufhören soll.  

Was ist schlimm am Antisemitismus?

Ist er anders als „Antiafrikanismus“, „Antiamerikanismus“, „Antiarabismus“ und wenn ja, inwiefern? Auf diese Frage wird immer wieder mit dem Verweis auf die Geschichte, insbesondere die des 20. Jh. geantwortet. Ein Denken, das zu solchen Gewaltexzessen führen kann, darf nicht relativiert, nicht in eine Reihe mit anderen mörderischen „Ismen“ gestellt werden: die Shoa übersteigt alle historischen Erfahrungen. Worin eigentlich? In der Zahl der Morde? In Relation zur Gesamtpopulation waren die Völkermorde in Ruanda und die an den Armeniern, aber auch der Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern wie auch die Verdinglichung der Einwohner Westafrikas zur Ware auf den Sklavenmärkten der „Neuen Welt“, sicher größer. In der Schnelligkeit der Durchführung ist ebenfalls Ruanda mindestens ebenbürtig. Und auch das Kleinbauernlegen in der UdSSR ist vergleichbar konzentriert abgelaufen. So einzigartig ist die Shoa nicht! Sollte sich eine pervertierte deutsche Großmäuligkeit selbst hier ihr Unwesen treiben: unsere Progrome sind so einzigartig wie die Qualität deutscher Industrieprodukte…?
Also: Antisemitismus ist schlimm, so schlimm wie jede Art von Rassismus oder sonstigem Überlegensheitswahn. Wir sind nicht antisemitisch! Wir schätzen jeden Menschen in seiner Leistung und weigern uns, ihn wegen einer Gruppenzugehörigkeit a priori für schlechter oder besser zu halten als andere. Zunächst ist jeder nur für sein eigenes Tun verantwortlich, nicht für das seiner Gruppe, es sei denn, er unterließe es, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten zu widersetzen, wenn seine Gruppe als Kollektiv unmenschlich handelt. Das gilt für den Deutschen während des Dritten Reiches: wir haben glaubhafte Zeugnisse für das „dies haben wir nicht gewusst“ – glaubhafter als das Unwissen von Israelis über die Verbrechen der israelischen Besatzungstruppen in den palästinensischen Gebieten. Jeder Israeli kann sich informieren, Ha’aretz ist überall erhältlich, die Internetseiten von Gush Shalom kann (fast) jeder besuchen, die UN-Beschlüsse zu Israel sind öffentlich zugänglich, die Kritik von jüdischen Intellektuellen an den Handlungen des Staates Israel ist immer wieder öffentlich gemacht worden. „Ich habe es nicht gewusst“ ist hier wohl ein „Ich wollte es nicht wissen“ (was in vielen Fällen wohl auch bei den Deutschen zwischen 1933 und 1945 der Fall war).

Wie wird der Antisemitismusvorwurf benutzt – nicht nur aber besonders in Deutschland?

Der Vorwurf, antisemitisch zu sein, wird als ein derartiger Makel erlebt, dass sich jeder sofort, möglichst in vorauseilendem Gehorsam (durch Unterlassen jeglicher Kritik an Israel) dagegen zur Wehr setzt. Wenn Menschen, die im öffentlichen Interesse stehen, sich diesem Kodex nicht unterwerfen, werden sie massiven publizistischen Angriffen ausgesetzt. Der tragische Fall Möllemann ist dafür ein erschreckendes Beispiel, auch dafür, wie das Geschehene schon wenige Tage später zugedeckt wird durch unwürdige Schmähungen, während der Kontrahent schon wenige Monate später ein Come back erlebt. Was in Deutschland als antisemitisch zu gelten habe, bestimmt hier im Wesentlichen der Zentralrat der Juden in Deutschland. Und hier wird als antisemitisch gebrandmarkt sowohl jegliche historische Relativierung der Judenmorde im Dritten Reich als auch jegliche Kritik an Israel im Zusammenhang mit der Palästinafrage. Deutsche Politiker werden so zu willigen Helfern Israelischer Aktionen wie gezielten Tötungen, jahrlangen Inhaftierungen und Internierungen von Zehntausenden von Menschen, Landbesetzungen, Apartheid-Politik und Mauerbau, Zerstörung von Infrastruktur der Palästinenser, Unterstützung der Kriegsmaschinerie und Kriegswirtschaft Israels.

Warum sagen Sie „Antisemitismus—nein, Antizionismus—ja“?

<<wird noch ergänzt>>