Ihr befürwortet einen Boykott israelischer Waren.
Ist das nicht eine direkte Wiederaufnahme des „Kauft nicht bei Juden“ der Nazis?

Auf der Startseite von www.Palaestina-heute.de sehen wir ein Foto einer Gruppe von orientalisch gekleideten Menschen mit einem Schild „Boykott Israel Goods“. Dies hat Anstoß erregt. Ein guter Freund schrieb, er werde an Nazipropaganda „Kauft nicht bei Juden“ erinnert. Ja, dieser Gefahr waren wir uns bewusst, als wir das Foto so zentral platzierten. Genau diese Diskussion wollten wir provozieren!

  1. Wir halten in unsrem Konsumland Käuferboykott gegen Waren eines bestimmten Herstellers, einer bestimmten Region, einer bestimmten Herkunft für eines der wenigen wirksamen Mittel, Überzeugungen auszudrücken, die wir Konsumenten haben.
  2. Wir praktizieren solche Kaufverzichte täglich: wir vermeiden es, in Berlin Milch zu kaufen, die in Bayern erzeugt wurde – nicht weil wir irgendeinen Vorbehalt gegen Bayern oder auch gegen bayerische Milch hätten, sondern weil wir meinen, unsere Kaufverhalten kann den Irrsinn, Produkte über weite Entfernungen zu transportieren, mildern.
  3. Kaufverzichte aus politischen Gründen (als ob die Umweltbeslatung durch unnötige Transporte nicht auch etwas Politsches habe…) können Wirkung zeigen: herausragendes Beispiel der internationale Boykott südafrikanischer Waren während der Apartheid-Zeit. 
  4. Wir geben uns keinen Illusionen hin, schnell politische Wirkungen durch Kaufverzichte zu erzielen. Doch vielleicht gelingt es ja, aus einzelnen Handlungen einen Handlungstrom zu machen – im Falle Südafrika gelang dies.
  5. Einzelaktionen können Wirkung zeigen: die Israel-Wochen August/September 2007 in der Galeria Kaufhof haben Proteste ausgelöst, weil dabei auch Waren angepriesen und vertrieben wurden, die aus den besetzten Gebieten stammten. Die Presse berichtete über die Proteste einer kleinen Schar von Menschen. Unser Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Kaufhof AG wurde sehr freundlich beantwortet und es wurde uns angekündigt, dass die Kaufhof AG in Zukunft vorsichtiger sein würde, um nicht durch ihr Verhalten politisch Position zu beziehen. Das sehen wir schon als Erfolg an! Kritisiert hatten wir nicht nur, dass Waren angeboten wurden, die aus den besetzten Gebieten, zum Teil aus dem völkerrechtswidrig annektierten Golan, stammten, kritisiert haben wir auch, dass das zugehörige Werbematerial Israelkarten zeigte, bei denen nicht nur der Golan sondern auch das gesamte Westjordanland annektiert und zu einem Teil Israels geworden waren.
  6. Der Hinweis auf eine der dunkelsten Epochen deutscher Geschichte ist Teil der Argumentationsketten, die jegliche Kritik an Israels gegenwärtiger Aggressions- und Besatzungspolitik zum Verstummen bringen will. Die Aufforderung, beim Einkauf darauf zu achten, dass gekaufte Waren nicht aus den besetzten Gebieten stammten aber als israelische Güter getarnt werden (EU-Handelspräferenzen winken dadurch…), die Aufforderung, sich also nicht als Hehler an einer solchen Betrugsaktion zu beteiligen, hat nichts, aber auch gar nichts zu tun mit den widerlichen, gewalttätigen Hetz- und schließlich Mordaktionen Deutscher zu tun. Und uns die Kritik verbieten zu wollen weil wir als Deutsche für die Verbrechen der Generation unserer Vorfahren haften sollen, das lasse wir nicht zu. Wir lassen uns nicht für die Holocaust-Industrie instrumentalisieren!

Kritik muss nicht nur erlaubt sein, sie ist auch geboten. Jeder, der um die Situation weiß und nicht kritisiert und nicht im Rahmen seiner Möglichkeiten handelt, macht sich eben so mitschuldig, wie jene unserer Vorfahren, die zusahen und schwiegen, als die braunen Banden ihre jüdischen Mitbürger terrorisierten, enteigneten, vertrieben und schließlich vernichteten. 

Und eine der simpelsten Handlungsweisen ist in unserem gut organisierten Staatswesen der Blick auf die Herkunftsbezeichnung beim Einkauf. Und der kleine Schritt, bei Waren, die als israelisch gekennzeichnet sind, die kritische Frage zu stellen, ob sicher sei, dass diese Waren nicht illegal aus den besetzten Gebieten stammten, muss dann auch noch sein.

Es gibt Warenlisten, die die schwarzen Schafe unter den israelischen Herstellern aufführen, also die, bei deren Waren zumindest nicht sichergestellt ist, dass sie nicht aus Produktion in den besetzten Gebieten stammen.

Wen Sie das fragen sollen? Zunächst die Verkäuferin im Supermarkt, den Öko-Bauern auf dem Wochenmarkt (bei dem dazugekaufte Waren in Kisten mit der Aufschrift CARMEL liegen…). Die Verkäuferin wird fragen, warum Sie das wissen wollen, und sie wird Sie an den Filialleiter verweisen. Interessante Gespräche sind garantiert. Versuchen Sie es – Sie werden erstaunen, wie viel Sympathie Ihnen entgegengebracht wird.

Also: Nie wieder ein “Kauft nicht bei Juden!” Wohl aber ein ”Kauft nicht, was widerrechtlich erzeugt und in die EU verbracht worden ist.”

Boykott – wie?

  • Kein Kauf von Waren aus den besetzten Gebieten, wenn sie als „israelische Waren“ deklariert sind
    Solange Israel sich weigert, klare Kennzeichnungen von Waren aus den besetzten Gebieten vorzunehmen, werden wir jedenfalls im Zweifel keine Waren mit unklarer Herkunft aus Israel kaufen! Wir sind damit nicht allein. Z.B. hat die IHK Hannover hat am 22.3.2005 in einer Verlautbarung unter dem Titel Israel: Keine Präferenzen für Waren aus den besetzten Gebieten auf die geltende Rechtslage hingewiesen.
    Über diese „alltäglichen“ Boykotthandlungen hinaus, sollten wir weiter bei unseren Politikern, aber auch bei den großen Handelsketten darauf dringen, dass die einschlägigen EU-Bestimmungen eingehalten werden.
  • Keine Unterstützung für die israelischen Militär-Maschinerie. Hier können wir als Einzelne zwar nicht direkt tätig werden, wir können aber unsere Politiker immer wieder hinweisen auf ihre Verantwortung:
    * keine Waffenexporte nach Israel – die einschlägigen Gesetze, die Waffenlieferungen in Spannungsgebiete untersagen, müssen einfach ernst genommen werden!
    * keine Waffenkäufe oder Kauf von waffentechnisch nutzbarer Technologie in Israel
    * keine Zusammenarbeit in rüstungsrelvanten Bereichen mit Israel – dies ist besonders schwer abzugrenzen (ich weiß aus eigener beruflicher Erfahrung, wie unklar die Grenzen zwischen „friedlicher“ und „militärischer“ Technik sind), doch hier sollte das Motto sein: im Zweifel keine Zusammenarbeit oder Zulieferung!
  • Einen umfassenden Boykott wissenschaftlicher Kontakte, wie ihn britische Wissenschaftsorganisationen vorgeschlagen und teilweise auch umgesetzt haben, finden wir nicht angemessen. Wohl aber meinen wir, die Mühsal muss auf uns genommen werden, einzelne israelische Wissenschaftler, dann wenn sie zu wissenschaftlichen Kongressen hier sind, auch auf die politische Lage in ihrem Land und in den von Israel besetzten Gebieten anzusprechen. 

Boykott – wo nicht?

  • Keine Kontaktverweigerung! 
  • Reist nach Israel, aber möglichst auch in die besetzten Gebiete.
  • Sprecht dort (und auch hier) mit so vielen Menschen wie möglich über die Situation. Helft so den viel zu wenigen, zu isolierten, oft verzweifelten Menschen, die sich in Israel für den Frieden engagieren, indem ihr die Kritikwürdigkeit der gegenwärtigen israelischen Politik ansprecht.
  • Keine Verweigerung von Handel
    wenn sichergestellt ist, dass die aus Israel importierten Güter tatsächlich aus Israel kommen und nicht aus verdeckten „Kolonial“-Quellen.
  • Keine Verweigerung kultureller Beziehungen
    Im Gegenteil: alle Kulturschaffenden sollten dem Beispiel von Barenboim nacheifern und Kontakte nach Israel und auch in die besetzten Gebiete suchen. Auch Renates letztes Konzert in Palästina (in Jerusalem, in der Erlöserkirche in der Altstadt) ist leider schon wieder zu lange her: 1999.
  • Und vor allem: kein Gesprächsboykott gegenüber jüdischen Menschen, sei es in Israel oder in der Diaspora. Jede Aktion, auch jede private Boykottaktion, muss von Gesprächen begleitet werden, Gesprächen mit den hier bei uns lebenden Palästinensern, die ihre Verzweiflung verdrängen, Gesprächen mit den hier lebenden Israelis, die ihre Ängste vor Vernichtung in sich tragen und diese weiter geschürt bekommen durch verantwortungslose Medien und Politiker. 

FD