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Süddeutsche Zeitung, 16.8.2010, Seite 3
nur zur schnellen Information, wird noch formatiert... fd
Und raus bist du
Von Thorsten Schmitz
Berlin – Wer Firas Maraghy besucht, wird von einer Videokamera der israelischen Botschaft verfolgt. Maraghy schläft nahe der Botschaft, in Grunewald, unter einer Buche. Am Nachmittag, wenn die
Botschafts- Angestellten Feierabend haben, wechseln sie den Bürgersteig. Manhat ihnen verboten, mit ihm zu reden. In der Auguste-Viktoria-Straße sieht man Menschen beim Tennisspiel und wie sie mit iPhone amOhr in
Mercedeslimousinen steigen. Wer hier wohnt und arbeitet, dem geht es gut. Maraghy geht es nicht gut. Seit drei Wochen isst er nicht mehr. Er trinkt nur noch. Seine Wangen sind eingefallen, die Augen gerötet, die Jeans
schlackert. Er sitzt im Schneidersitz auf einem Stapel Decken. Eigentlich rasiert er sich jeden Tag, aber unter den Buchen gibt es kein Badezimmer, nur ein Baustellenklo. Eine ältere Frau liest das Plakat hinter ihm und sagt:
„Aber hier kriegt doch niemand was von Ihrem Protest mit. Sie müssen auf den Kudamm.“ Die Frau möchte ihm Geld geben, aber Maraghy sagt: „Ich brauche kein Geld. Ich brauche Gerechtigkeit.“ Maraghy sitzt nicht auf
dem Kudamm, weil die, die ihm sein Recht geben könnten, hinter der Mauer sitzen. Maraghy will, dass der Botschafter ihm ein Reisedokument für seine sieben Monate alte Tochter ausstellt. Doch Yoram Ben-Zeev macht gerade Urlaub
in Israel, und sein Pressesprecher ist erst seit zwei Wochen im Amt. Die Botschaft mailt eine Erklärung. Man bedauere, dass sich Maraghy für den Hungerstreik entschieden habe. Die Botschaft bat ihn auch, den Schlafsack nicht
direkt am Eingang auszurollen. Aus Gründen der Sicherheit. Es bleibt die Frage, wie gefährlich ein hungernder Palästinenser werden kann. Firas Maraghy ist mit der deutschen Islamwissenschaftlerin Wiebke Diehl verheiratet. Sie
haben eine Tochter, Zaynab heißt sie. Maraghy hat in den letzten drei Jahren in Berlin Deutsch gelernt und eine Ausbildung als Krankenpfleger begonnen. Er ist Palästinenser und stammt aus Ost-Jerusalem. Israel hat
Ost-Jerusalem 1967 erobert und später annektiert. Es gibt drei Sorten von Palästinensern: jene, die im Gaza-Streifen leben, jene, die im Westjordanland wohnen. Und es gibt die aus Ost-Jerusalem. Palästinenser besitzen Pässe der
Palästinensischen Autonomiebehörde. Die 300 000 Palästinenser in Ost-Jerusalem aber haben ein Laissez-Passer-Dokument, das ihnen Israel ausstellt. Maraghy trägt seines in einer Plastiktüte. Es sieht aus wie ein Pass, ist aber
keiner. In ihm steht, dass der Besitzer kein Bürger Israels ist. Israel möchte die Zahl der Palästinenser in Ost-Jerusalem so gering wie möglich halten. Es hat dafür Gesetze geschaffen, die Palästinenser in Ost-Jerusalem zu
Bürgern dritter Klasse machen. Wenn ein Palästinenser länger als sieben Jahre nicht in Ost-Jerusalem wohnt, verwirkt er sein Wohnrecht. Im April wollte Firas Maraghy ein Laissez-Passer-Dokument für seine Tochter, doch die
Botschaft teilte ihm mit, dafür müsse er nach Ost-Jerusalem. Jüdische Israelis dagegen bekommen in der Berliner Botschaft problemlos Dokumente für ihre Babys. Maraghy möchte nicht nach Jerusalem gehen und Jahre auf ein Dokument
für seine Tochter warten. Denn man hatte sich auch geweigert, seine Ehe einzutragen, eine Voraussetzung dafür, dass seine Frau, wenn sie mit ihm nach Ost-Jerusalem ginge, ein Visum bekommt. In der Botschaft riet man Maraghy, er
könne für die Tochter einen deutschen Pass beantragen. Doch das will er nicht. Er fürchtet, dass Israel Mutter und Tochter die Einreise verweigert, und darauf spekuliert, dass sich Maraghy für seine Familie und ein Leben in
Deutschland entscheidet. Aus Sicht Israels, sagt Wiebke Diehl, „wäre das von Vorteil. Ein Palästinenser weniger in Ost-Jerusalem.“ Seit Monaten schreibt sie Briefe und E-Mails, an den Außenminister, die Bundeskanzlerin,
die Fraktionen im Bundestag. Niemand hat bisher geholfen. Firas Maraghys Vater hat Israels Präsidenten Schimon Peres geschrieben, wenn seinem Sohn etwas zustoße, dann sei auch er, Peres, dafür verantwortlich. Diehl sorgt sich
um ihren Mann. Aber sie weiß auch: „Ich kann ihn nicht stoppen, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat.“ Ein Arzt habe ihn ein paarmal untersucht, „noch geht es Firas einigermaßen gut“. Wenn es regnet,
kann sich Maraghy in ein Auto setzen, das ihm ein Ehepaar zur Verfügung gestellt hat mit den Worten: „Wir brauchen es gerade nicht.“ Er trinkt Mineralwasser, das ihm Passanten bringen, die er nicht kennt. Auf einer
Facebook- Seite haben sich auch Israelis gemeldet, die schreiben, sie schämten sich dafür, wie er behandelt werde. Man bringt ihm Sonnenblumen, Toilettenpapier, Kerzen. Ein Rentner hat angeboten, Maraghy könne bei ihm duschen.
Wie lange er den Hungerstreik fortsetzen möchte, wisse er nicht. „Ich will mir später nicht von meiner Tochter vorwerfen lassen, dass ich ihr nicht geholfen habe, für ihr Recht zu kämpfen.“ Es könnte durchaus sein, „dass
sie gar nicht in Jerusalem leben möchte. Aber das soll sie dann selbst entscheiden.“ Bis spät abends kommen Menschen, dann ist Maraghy allein. Baut sich sein Bett unter der Buche, dreht sich eine Zigarette und fragt, ob
einen das stört, wenn er raucht. Er hat keine Angst, ganz alleine nachts auf dem Bordstein, sagt er. „Die Kamera der Israelis ist ja die ganze Zeit auf mich gerichtet.“ Und raus bist du
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