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Eine gute Gesprächsgrundlage

Leserbrief zu: "Theologe als Judenfeind", FR-Politik vom 25. August

Kritikwürdig schon die reißerische (redaktionelle?) Überschrift, bedauerlich und enttäuschend die oberflächliche Lektüre, Zitierung und Wertung des (sechsseitigen!) Textes meines Kollegen Dr. Jochen Vollmer in unserem "Deutschen Pfarrerblatt" (8/2011), den die Verfasserin als "Alt-Theologe" abqualifiziert - er promovierte über das AT (Altes Testament)! Die Verfasserin definiert nicht den Begriff "Jude", verwechselt ihn wohl wie viele "Israel-Freunde" und die "Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit" mit "Volk Gottes", Israel, Bürger des Staates Israel usw.

Verheerende Politikfolgen

Es muss erlaubt sein, die verheerenden Folgen der Politik des heutigen Staates Israel in den "besetzten Gebieten" zu benennen und kritisch darzustellen, ohne sofort wieder als "Antisemit" beschimpft und mundtot gemacht zu werden. Der Staat Israel kommt nicht der Verantwortung und Obhut für die Menschen in den palästinensischen Gebieten (Genfer Konvention!) nach, im Gegenteil: Mauer- und Sperranlagen meist nicht auf der "Waffenstillstandslinie" von 1967, sondern auf palästinensischen Gebieten; dazu Enteignungen des Geländes; Ausreißen unzähliger Olivenbäume; Absperrungen von Erntefeldern; Schikanen beim Grenzübergang; Landraub für rund 200 Siedlungen (inzwischen fast 500 000 Siedler dort und in Ost-Jerusalem); Straßen nur für Siedler, die die alten Dorfverbindungen blockieren; Häuserzerstörungen für neue israelische Häuser; Kontrolle der Wasservorräte (80 Prozent für Siedlungen!), Palästinenser müssen ihr eigenes Wasser kaufen und so weiter.

Gottes Treue

Solche Maßnahmen werden von vielen religiösen Juden und leider auch vielen fundamentalistischen Christen verharmlost und theologisch verbrämt als "Gottes Wille und Treue-Zusage" - exklusiv an das "Volk Gottes". Diskussions- und ergänzungsbedürftig ist tatsächlich die damalige (1980 abgegebene) Erklärung der Rheinischen Landes-Synode, die meines Erachtens zu wenig bedachte und formulierte, dass "Gottes Treue-Zusagen" allen Menschen gelten, jedoch nicht einseitig nur bestimmten Menschen auf Kosten der Opfer anderer!

Gottes Treue gilt zwar zuerst den Juden, seit Jesus Christus jedoch universal allen Menschen, auch in Israel, jedoch nicht bestimmten politischen Machtgebieten! Darüber wird schon in der Bibel diskutiert!

Ich halte deshalb diesen Artikel des Pfarrers Jochen Vollmer für notwendig und sehr geeignet für weitere Gespräche zum Frieden und würdevollen Zusammenleben aller Menschen in Nahost.

 

Jörg Schreiner, Pfarrer, Weisenheim/Berg

Frankfurter Rundschau v. 27./28.08.2011, Seite 18