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"Chapeau, Herr Grass! Gut gemacht!"

Das Gedicht "Was gesagt werden muss" von Günter Grass hat für ein starkes Echo gesorgt - von "Empörung" ist in den Schlagzeilen die Rede. Es hat den Anschein, als seien die zustimmenden Reaktionen spärlicher und leiser. Das aber kann sich sehr schnell ändern. Denn es wird immer deutlicher, dass es bei dem Text, in dem Grass vor einem israelischen Angriff auf Iran warnt, nicht in erster Linie um dessen exakten Inhalt geht. Der Literaturnobel-preisträger hätte auch dichten können: "Do Re Mi La Ti Do - Kein Krieg gegen Iran - Basta.Dot.Com"! Er hat sich ein wenig mehr Mühe gegeben und hat viel "Richtiges" geschrieben (wenn diese Kategorie bei der Beurteilung eines Gedichts nicht überhaupt albern ist). Andere Passagen mögen weniger gelungen sein. Sei's drum: der drohende Waffengang mit unabsehbaren Folgen für Iran, für Israel, für die Region, und wahrscheinlich für die ganze Welt ist wieder in der öffentlichen Diskussion. Und da gehört dieser zukünftige Krieg hin - bevor das erste Kampfflugzeug aufsteigt. Er sollte erst in die Mitte der gesellschaftlichen, politischen Debatte befördert werden - und dann auf den Müllhaufen der Geschichte, ehe er schreckliche Wirklichkeit geworden ist.

An der Verhinderung der Katastrophe haben in den letzten Wochen Menschen mit Verantwortung in Israel, in Iran (dort nicht zuletzt aus der Opposition), in den Vereinigten Staaten von Amerika, und anderswo auf der Welt gearbeitet. Nun hat sich Günter Grass dazu gesellt. Das wird ihm neben dem Literatur- nicht zusätzlich noch den Friedensnobelpreis einbringen. Aber auch viele seiner Kritikerinnen und Kritiker dürften denken: 

"Chapeau, Herr Grass! Gut gemacht!" Welchen Bahnstrahl gegen ihn sie auch immer in Mikrofone und Kameras schleudern mögen. Diese innere Erleichterung mag ganz besonders Menschen erfassen, die ihr Geld in der Politik verdienen. Denn: die Bundesregierung hat sich zwar von dem angekündigten Krieg gegen Iran distanziert. Aber nur, wer den Realitätssinn eines Waldschrats hat, mag glauben, dass diese Ablehnung eine machtvollere Bedeutung hat als ein Husten in den Gängen des Bundeskanzleramtes. Ohne den Druck aus der Zivilgesellschaft, ohne prominente Stimmen der Kritik werden Angela Merkel und ihre Crew entschlossenen Kriegsakteuren nichts entgegen zu setzen haben - selbst beim besten Willen nicht, den man eben auch nicht unbedingt voraussetzen kann (Stichwort U-Bootlieferungen).

Nebenbei bemerkt: es fällt auf, wie oberflächlich manche "Literaturkritiker" zu Werke gehen, wenn sie sich des Gedichts von Günter Grass annehmen: da wird bemängelt, dass der Dichter den iranischen Diktator Nummer Eins (den Präsidenten Ahmadinejad) als "Maulhelden" bezeichnet. Das sei eine Verharmlosung. Manche gehen in ihrer eifrigen Lyriklektüre noch weiter und halten es für ganz falsch, dass Grass den mächtigeren der iranischen Diktatoren, den "Geistigen Führer" Khamenei nicht einmal erwähnt. Die Poesie hat's wirklich schwer, vor allem dann, wenn sie mit politischen Hintergrundartikeln verwechselt wird. Warum aber nur erwähnen die eifrigen Kritiker an dieser Stelle nicht, dass Grass schreibt, das iranische Volk werde von dem erwähnten Maulhelden "unterjocht"? Ist das etwa ein milder Ausdruck?

Natürlich halten manche professionellen Leser Günter Grass für "naiv": weil er sich für "eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz" ausspricht. Aber ohne ein bisschen aufgeklärte Naivität von dieser Sorte wäre die Welt in der wir leben wohl schon längst in dem verblödenden Morast von Machtversessenheit, Opportunismus und Zynismus abgesoffen.