>Palästina heute >Pinwand >Günter Grass: Was gesagt werden muss >DLF Presseschau 5.4.12 7:05

 

Donnerstag, 05. April 2012 07:05 Uhr

Deutschlandfunk, die Presseschau. 

Ein Thema ist das Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen. Im Mittelpunkt steht jedoch das politische Gedicht, das der Schriftsteller Günter Grass veröffentlicht hat.

Dazu notiert die WESTDEUTSCHE ZEITUNG:

"Schon der Titel 'Was gesagt werden muss' lässt wegen der Nähe zu Stammtisch-Parolen schaudern. Günter Grass wird zu Recht wegen seines Textes angegriffen. Es geht nicht darum, dass ein Deutscher nicht Israel kritisieren dürfte, sondern um seine klischeehafte und faktisch teilweise falsche Darstellung. Er hat sich, Deutschland und Israel geschadet",

bilanziert die WESTDEUTSCHE ZEITUNG aus Düsseldorf.

 

Deutschlandfunk, die Presseschau.

Günter Grass hat einen kritischen Text über Israel geschrieben, der hohe Wellen schlägt. Die FRANKFURTER RUNDSCHAU kommentiert:

"Die Atommacht Israel, schreibt Grass, gefährdet den brüchigen Weltfrieden. Diese These kann man vertreten, die Politik des Benjamin Netanjahu ist nicht auf Ausgleich ausgerichtet, nicht mit den Palästinensern, nicht mit dem Iran. Auf der anderen Seite sieht der Autor nur einen Maulhelden, der womöglich nicht einmal über die Atombombe verfügt. Der Maulheld heißt Mahmud Ahmadinedschad; er bezeichnet Israel als Schandfleck, der von der Landkarte getilgt werden müsse, verbreitet abenteuerliche zionistische Verschwörungstheorien, leugnet den Holocaust, strebt offenkundig nach der Bombe. All das ist Grass keine Erwähnung wert. Ist das der dichterischen Freiheit geschuldet? Grass selbst hat einmal festgestellt, Lyrik sei die Form des Schreibens, die am deutlichsten und klarsten sei. Klar und deutlich ist: Der Mann ist auf einem Auge blind. - Was da angeblich gesagt werden musste, wäre besser ungesagt geblieben. Politisch ist es Unfug. Das Urteil über die literarische Qualität überlassen wir der Literaturkritik",

heißt es in der FRANKFURTER RUNDSCHAU.

 

DER TAGESSPIEGEL findet, Grass überschätze seine eigene Bedeutung:

"Wenn Grass glaubt, dass er eine Art literarischer Regierungschef ist, dann irrt er. Wenn er glaubt, dass er ein Großintellektueller ist, dann irrt er zweimal. Warum? Weil er nicht argumentiert, nicht disputiert, sondern sich bloß exponiert. Weil er allein glaubt, etwas zu sagen zu haben. Was er dann aber sagt, ist nur dumpf, und das war noch nie intellektuell. Er ist nicht einmal ein Sarrazin; dann hätte er zumindest mehr gewusst. Was er alles nicht weiß, faktisch, aus allen Diskussionen und Berichten der vergangenen Jahre, Monate, Tage um den Nahen Osten. Und wenn er es doch wüsste? Dann wäre das Schlimmste von allem, dass er bei seinem Präventivgedicht unterschlägt: Nie hat Israel mit einem atomaren Erstschlag gedroht, nicht gegen den Iran, gegen niemanden. Nie hat Israel einen anderen Staat auslöschen wollen. Wie der Iran",

hält DER TAGESSPIEGEL fest.

 

Die FREIE PRESSE aus Chemnitz wirft Grass vor, seine Ansichten selbst zu einem Tabubruch zu erheben:

"Doch wo ist hier noch ein Tabu zu brechen? Darf der Staat Israel in Deutschland oder gar im gesamten Westen nicht für seine Politik kritisiert werden? Er darf. Und er wurde. Ja, es stimmt, dass der Westen im Widerspruch zu völkerrechtlichen Verträgen zugesehen hat, wie sich Israel ein eigenes Atomwaffenarsenal schuf. Aber es stimmt nicht, dass Israel diese Waffen für einen Erstschlag gegen iranische Atomanlagen einzusetzen gedenkt. Günter Grass hat seine Meinung geäußert. Das ist sein gutes Recht. Nur recht hat er diesmal nicht. Er macht es sich zu einfach",

unterstreicht die FREIE PRESSE.

 

Die TAZ aus Berlin meint:

"Der Skandal besteht nicht in Grass' Israelkritik, sondern darin, dass er sich bei dieser Kritik zum Märtyreropfer von Juden stilisiert, die mit der Antisemitismuskeule angeblich die Wahrheit zensieren wollen. Das ist ein antisemitisches Stereotyp. Es ist ziemlich unwichtig, ob ein älterer Schriftsteller, der offenbar an einer gewissen Selbstüberschätzung leidet, Israel kritisiert und dabei Angst vor einem Atomkrieg äußert. Aber es ist verheerend, wenn ein deutscher Literaturnobelpreisträger mit antisemitischen Stereotypen hantiert",

warnt die TAGESZEITUNG aus Berlin.

 

Die KIELER NACHRICHTEN gehen in ihrer Kritik noch weiter:

"Hier verspritzt ein alter Mann sein antisemitisches Gift. Ein Mann, der gehört haben muss, wie der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad Israel ein 'Krebsgeschwür' nannte, das vernichtet werden müsse. Ein Mann, der wissen muss, dass Israel seit seiner Gründung um die schiere Existenz kämpft. Ein Mann, dem man vom millionenfachen Massenmord an den Juden doch mindestens erzählte, als er vom Dienst in Hitlers Waffen-SS nach Hause kam. So wie Grass reden Antisemiten, denen unsere Freundschaft zum Staat Israel ein Dorn im Auge ist und die die deutsche Geschichte endlich umschreiben wollen."

Das war ein Kommentar der KIELER NACHRICHTEN.

 

Die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG hält solche Deutungen für unangemessen:

"Man kann Günter Grass eine Menge vorwerfen. Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit zum Beispiel. Aber ist Günter Grass ein Antisemit? Ist er, wie Henryk M. Broder behauptet, gar 'der ewige Antisemit'? Nein, das ist Günter Grass nicht. Wer diesen Vorwurf macht, sollte Beweise vorlegen. Aber weder Broder, noch Emmanuel Nahshon, Gesandter der israelischen Botschaft in Deutschland, können das. Stattdessen wühlen sie in der Schublade mit den Totschlagargumenten und bestätigen damit doch nur Grass, der da vom 'Verdikt Antisemitismus' fabuliert",

argumentiert die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG.

 

Das OFFENBURGER TAGEBLATT schließlich sieht überhaupt keinen Anlass, den Dichter zu kritisieren:

"Günter Grass ein Antisemit, weil er Israel kritisiert? Weil dem deutschen Literaturnobelpreisträger die Zuspitzung des Atomkonflikts mit dem Iran nicht gefällt? Weil er der Meinung ist, dass auch Israels Atompotenzial international kontrolliert gehört? Die durch ein Gedicht ausgelöste Debatte hört sich nach einem schlechten Witz an. Ist aber tatsächlich ein typisch deutscher Reflex der veröffentlichten Meinung. Die offene Kritik an Israel gehört auch 67 Jahre nach Kriegsende in die Kategorie Tabubruch. Doch die deutsche Vergangenheit und der Holocaust sollten keine Gründe sein, zu schweigen."

meint das OFFENBURGER TAGEBLATT.